Nachricht vom 28.12.09 
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Weihnachten

Von: TZ, Frau Barbara Wimmer

"Es kann nach einiger Zeit wieder schön werden"

Martina Münch-Nicolaidis ist der Beweis dafür, dass es ein Leben nach dem Tod eines geliebten Menschen gibt. Die 41-Jährige  versichert, dass sogar das Weihnachtsfest nach einiger Zeit wieder schön werden kann - "vielleicht wird es anders als früher, aber doch schön".

Daran hätte sie selbst nicht glauben können oder wollen, als 1997 ihr Ehemann Anastassis starb. Martina war 29 Jahre, Töchterchen Lisa sechs Wochen alt, als alle Zukunftshoffnungen der jungen Familie an einer Mauer in Athen zerbarsten. Der 38-Jährige Mann war in seiner griechischen Heimat, um den gemeinsamen Umzug dorthin vorzubereiten. Stattdessen machte er seine Martina zur Witwe - eine grausame Wendung des Schicksals.

Wie in Trance erlebte sie die nächsten Tage: Sie flog zu ihrem toten Liebsten, durfte ihn aber nicht mehr sehen, bevor er zwei Tage später beerdigt wurde. Sie wusste, dass er nicht die Kleidungsstücke trug, die sie ihm mitgebracht hatte. Sie hatte keine Möglichkeit, das fremde Ritual mitzugestalten.

Es war der 7. April, als die Katastrophe geschah - denkt man gleich an Weihnachten? "Doch, das kam mir ganz schnell in den Sinn: Was mach' ich nur an Weihnachten?" erinnert sich Nicolaidis. In den fünf Jahren, die sie mit Anastassis "in einer symbiotischen Beziehung" verbracht hatte, war eine "kleine, ganz eigene Tradition" zwischen den Zweien gewachsen.

Zehn Monate vor Anastassis Tod war Martinas Mutter gestorben, mit 50 Jahren an Krebs, im gleichen Alter wie einige Jahre vorher der Vater. Weihnachten, "das Familie symbolisiert wie kein anderes Fest", geriet für die zierliche junge Frau 1997 zum bedrohlichen Ereignis. Bis es eintrat, kämpfte sie sich mit letzter Kraft von einem Tag zum nächsten. Ihre Stützen waren ein paar Freunde, die "lebensnotwendige" regelmäßige Gesprächstherapie, und die Gewissheit, dass sie für Lisa durchhalten muss.

Die Angst vor den Feiertagen wuchs, je näher sie rückten, geschürt von "Heile Welt"-Fernsehberichten, Plätzchenduft und Weihnachtsliedern. Hinzu kam, dass die junge Mutter nach sechs Monaten noch einmal von einem "unglaublichen Verlustschmerz" gebeutelt wurde. Letztendlich nahm sie die Einladung von Freunden an: "Und dann war es gar nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte." Sie rät Menschen, die einen Familienangehörigen verloren haben, dringend davon ab, an Weihnachten "im gewohnten Fahrwasser zu bleiben, man leidet noch mehr unter dem Verlust."

Der erste überstandene Heilige Abend ist nur ein kleiner Schritt. Für den Alltag müsse man sich Strukturen schaffen: "Gut war, dass ich einen Hund hatte. Deshalb musste ich mir das Kind umschnallen und mit ihm rausgehen." Beim dritten Weihnachtsfest ohne Anastassis war die junge Münchnerin so weit, eigene Gestaltung für sich und ihre Kleine auszudenken. Sie lud im Vorfeld Kinder zum Plätzchenbacken ein, die Resultate wurden an den Christbaum gehängt. Zum Heiligen Abend kamen Freunde. Martina Nicolaidis: "Jeder findet seinen eigenen Weg. Jeder darf nach seinem eigenen Tempo trauern." Sie selbst sei auch heute noch manchmal traurig: "Ich vermisse diesen Menschen."

Der Weg für sie bedeutete zunächst die "Suche nach anderen Betroffenen". Die ersten beiden, einen Mann und eine Frau, lernte sie durch die Vermittlung von Hospiz-Mitarbeitern kennen. Nicolaidis: "Es ist eine Bereicherung, von anderen zu hören, dass sie ähnliche Probleme haben." Die drei waren sich gegenseitig eine große Hilfe bei der Bewältigung ihrer Trauer, aber auch bei der Bewältigung des Alltags. Martina, eigentlich Computerfachfrau, fand die gegenseitige Unterstützung so segensreich, dass sie sich entschloss, eine soziale Organisation mit diesem Zweck zu gründen: "Es war ein inneres Gefühl: Das scheint deine Lebensaufgabe zu werden."

Noch einmal zu heiraten sei ihr nie in den Sinn gekommen: "Ich war verheiratet, und ich war in dieser Ehe wahnsinnig glücklich." Vielleicht, denkt sie heute, weil die Beziehung damals noch so frisch war und wir noch so jung waren.

Sie wollte keinen Ersatz für Anastassis. Sechs Jahre nach seinem Tod traf sie Michael, eineinhalb Jahre später heirateten sie. Es sei anders als in ihrer ersten Ehe, aber genauso schön und sie ist wieder sehr glücklich.